Einblicke in die Praxis: im Gespräch mit Holger Reimer

Holger Reimer ist 55 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder. Der Landwirt hat 2009 den ersten Solarpark in der schleswig-holsteinischen Gemeinde Klein Rheide auf seiner eigenen Fläche initiiert. Seit 2013 ist er stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde. Im Gespräch mit SonneSammeln erzählt er, wie es dazu kam.
SonneSammeln: Wie entstand die Idee, dass Sie einen Solarpark errichten wollten?
Reimer: Für mich war der ausschlaggebende Punkt, dass unsere Kinder den landwirtschaftlichen Betrieb nicht übernehmen möchten. An dem Punkt habe ich schon mal über erneuerbare Energien nachgedacht, um mir ein weiteres Standbein nach der Landwirtschaft aufzubauen. Und natürlich als Altersvorsorge. Als Landwirt ist die Rente ja nicht so üppig.
SonneSammeln: Und wie wurde aus der ersten Idee dann mehr?
Reimer: Im September 2009 bin ich zur Gemeinde gegangen und habe die Idee bei der Gemeindeversammlung vorgestellt. Damals waren Solar-Freiflächen noch Neuland für viele. Die haben mich mit ganz großen Augen angeguckt und keiner wusste, was ich wollte. Dass sie dann erstmal alle Bedenkzeit brauchten, war verständlich. Zu der Zeit hatte ich auch schon einen Projektierer, der hat aber nicht schrecklich lange mit mir durchgehalten. Dann kam ein neuer Projektierer und der hat die Fläche mit mir überplant. Ich habe mich auch mit einem Landschaftsarchitekten ausgetauscht. In der Zwischenzeit hatte die Gemeinde dann beschlossen, dass ich bauen darf. Allerdings gab es damals noch keinen Flächennutzungsplan, sondern einen Landschaftsplan, der nicht bindend ist. Dort stand drin, dass diese Flächen als Wartungsflächen in diesem Landschaftsplan angesetzt waren.
SonneSammeln: Was waren denn die Reaktionen in der Gemeinde für das Projekt Solarpark?
Reimer: Als ich damit auf die Gemeinde zuging, haben nicht alle daran geglaubt, dass das Projekt umgesetzt wird. Aber gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekten und dem damaligen Projektierer haben wir die Genehmigung bekommen. Das hat allerdings ganz schön lange gedauert. Die Flugplatz-Betreiber in der Nähe der Fläche hatten die Sorge geäußert, dass sie beim Überflug, Starten und Landen geblendet werden. Ein Experte hat daraufhin ein Gutachten erstellt, um auch diese Bedenken zu versachlichen. Im Jahr 2009 habe ich begonnen, bis dann sechs Jahre später der erste Teil vom Solarpark Klein Rheide 2015 ans Netz ging.
SonneSammeln: Sie hatten also sechs Jahre lang alle Hände voll zu tun und wahrscheinlich einige schlaflose Nächte bis das Projekt an den Start ging.
Reimer: Ja, ein paar schlaflose Nächte hatte ich schon. Und dann ist damals die Solarvergütung immer weiter in den Keller gegangen. Damals habe ich René Nissen von der Wattmanufactur bei der Eröffnung eines anderen Solarparks kennengelernt und wir haben die Planungsunterlagen ausgetauscht. Wir haben sie dann nochmal von seinem Anwalt überprüfen lassen und die Wattmanufaktur konnte anfangen zu bauen. Da fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen.
SonneSammeln: Ja, das glaube ich. Und gab es neben dem Flugplatz Zweifel seitens der Bürgerinnen und Bürger in der Kommune?
Reimer: Nein, gar nicht.



SonneSammeln: Was ist Ihnen im Rückblick besonders positiv in Erinnerung geblieben? Und wie ist daraus ein Erfolgsprojekt geworden?
Reimer: Also viele negative Erfahrungen habe ich tatsächlich nicht. Das hat zwar alles etwas länger gedauert als wir alle dachten, aber letztendlich ist ja doch alles gut und glimpflich über die Bühne gegangen. Die Bevölkerung freut sich, dass wir in Klein Rheide einen Solarpark haben.
SonneSammeln: Wie läuft denn der Betrieb des fertigen Solarparks ab, vor allem bei der Bewirtschaftung?
Reimer: Wenn ein Solarpark gebaut wird, sieht es in der Bauphase alles grauslich aus. Aber nach zwei, drei Jahren entwickelt sich ganz von allein Leben. Die Natur holt sich alles zurück. Wir haben vereinzelt Blühmischungen ausgestreut. Es ist toll, was sich da über die Jahre tut. Natürlich werden viele Saaten von den Vögeln angeschleppt, die alles mitbringen. Wir setzen auch weder Pflanzenschutz noch Dünger ein, sodass die ganze Tier- und Pflanzenwelt ihre Ruhe hat. Was die Mähtechnik betrifft, mulchen wir nicht, sondern mähen mit Doppelmesser. Wir mähen recht hoch, sodass alle Insekten und Reptilien geschont werden.
SonneSammeln: Mit Blick auf heute — wie zufrieden ist denn Ihre Gemeinde mit dem Solarpark?
Reimer: Wenn der Solarpark angesprochen wird, finden es alle Leute toll, dass wir so ein Projekt in Klein Rheide haben. Für die Gemeinde bedeutet das nicht nur ein positives Image, sondern auch Gewerbesteuereinnahmen. Das kann man sich an fünf Fingern abzählen. Wir sind eine Gemeinde ohne Infrastruktur, wir haben keinen Kaufladen, gar nichts. Und wir haben auch nicht viel Gewerbe in der Gemeinde. Da ist ein Solarpark natürlich als Zusatzeinnahme sehr knackig. Unser Dorf Klein Rheide ist stark landwirtschaftlich geprägt. Wir hatten ursprünglich 17 landwirtschaftliche Betriebe im Ort, davon sind noch zwei übrig. Das ist in fast allen Dörfern hier so.
SonneSammeln: Haben Sie Empfehlungen an andere Flächenbesitzerinnen und Besitzer, die sich gerade im Entscheidungsprozess für einen Solarpark befinden oder das Ganze anstoßen?
Reimer: Wirklich das Allerwichtigste ist es, zu sprechen und mit offenen Karten zu spielen. Und keine Angst zu haben als Flächenbesitzer. Wenn man meint, man habe geeignete Flächen, sollte man ruhig auf die Gemeindemitglieder zugehen und sich einen Betreiber suchen. Letztendlich hat die Gemeinde die Planungshoheit. Aber wichtig ist auch, die Bürger zu informieren, was da passiert. Viele Bürger und auch viele Gemeindevertreter haben sich mit so etwas noch gar nicht beschäftigt. Wenn man alle mitnimmt, dann sollte das wohl klappen, denke ich.